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Die Star Trek Reise - Von der Vergangenheit bis in die Zukunft

"Das Ende der Reise"

Kommentar, Rückblick und Analyse zum Voyager Serienfinale

29. Mai 2001


Nach der Analyse der "Enterprise" Ankündigung im letzten Artikel konzentriert sich diese "Star Trek Reise" völlig auf das Serienfinale von "Star Trek: Voyager", "Endspiel", das am 23. Mai 2001 in den USA ausgestrahlt wurde.
Im Anschluß an diese Einführung finden Sie zwei Essays. Der erste ist ein kurzer Kommentar zu den Qualitäten von Endgame als Finale, der als Antwort an jene (amerikanischen) Fans dienen soll, die Endgame gehaßt haben und es als einen "unwürdigen Abschluß" ansehen.
Der nachfolgende Hintergrundartikel ist das längste und tiefgründigste Review, das ich je zu einer Star Trek Episode verfaßt habe. Ich war der Meinung, daß die letzten zwei Stunden von "Voyager" eine solch "intensive Behandlung" wirklich verdienen würden, so daß ich diese umfassende Analyse, welche zu einem gewissen Grad auch ein Review zur 7. Staffel und der Serie an sich ist, mit Leib und Seele verfaßt habe. Meine Ausführungen sind umfangreich und detailliert, aber ich denke, sie sind auf jeden Fall einen Blick wert. Es ist mein persönlicher Beitrag zum Ende einer der großartigsten Star Trek Serien, eine meiner Favoriten.

Lebe lang und in Frieden, Voyager!

 

"Endspiel" - Mission erfüllt? 

"Wir sind allein, in einem unerforschten Teil der Galaxis. Wir haben uns hier schon einige Freunde gemacht, ebenso wie einige Feinde. Wir wissen nichts über die Gefahren, die uns begegnen werden. Aber eins ist klar: beide Crews werden zusammenarbeiten müssen, wenn wir überleben wollen. Deshalb sind Commander Chakotay und ich zu dem Entschluß gekommen, daß dies eine Crew sein sollte... eine Sternenflottencrew. Und als das einzige Schiff der Sternenflotte im Deltaquadranten werden wir weiter unserer Direktive folgen, neue Welten zu suchen und den Weltraum zu erforschen. Aber unser primäres Ziel ist klar. Selbst bei Maximalgeschwindigkeit würde es 75 Jahre dauern, bis wir die Föderation erreichen. Aber ich bin nicht bereit es dabei zu belassen. Irgendwo da draußen gibt es ein weiteres Wesen wie den Fürsorger, das die Fähigkeit hat, uns weitaus schneller dorthin zu bringen. Wir werden nach ihr suchen. Und wir werden nach Wurmlöchern, Spalten im Raum, oder neuen Technologien Ausschau halten, die uns helfen könnten. Irgendwo auf dieser Reise werden wir einen Weg zurück finden.

Mr. Paris? Setzen Sie einen Kurs... nach Hause."

Captain Janeway, letzte Szene von "Der Fürsorger"


Vor 7 Jahren, sowohl in realer als auch Star Trek Zeit, legte Captain Janeway das wichtigste Ziel für ihre Crew und sich selber fest: einen Weg zurück zur Erde zu finden.
Das Stranden der Voyager in einem entfernten Teil der Galaxis, und ihre Reisen im Deltaquadranten, weit entfernt von der Erde, immer auf der Suche nach einem schnellen Weg nach Hause, war die Prämisse der vierten Star Trek Serie. Und während die Serie von Zeit zu Zeit im wahrsten Sinne des Wortes verloren ging, hat sie doch nie diesen wichtigsten Schwerpunkt verloren und ist dabei den ursprünglichen, Roddenberry'schen Star Trek Idealen der Erforschung und Selbstentdeckung des Menschen treu geblieben.

"Star Trek: Voyager" sollte nie etwas anderes zeigen. Es ging immer ausschließlich um die Reise. Der Pilotfilm "Der Fürsorger" zeigte ihren Beginn, wie das Schiff tausende Lichtjahre durch den Raum geschleudert wurde, die Crew zusammenfand und sich auf den Rückweg zur Erde machte. Und "Endspiel", das Finale von "Star Trek: Voyager", behandelt ausschließlich das Ende der Reise, die Heimkehr. Der Zweiteiler beschäftigt sich mit der einzig wirklich wichtigen Frage:

"Wird die Voyager, wird die Crew jemals nach Hause finden?"

Wenn man sich überlegt, wie viele Fans, die die Serie lieben, von der Abschlußepisode enttäuscht waren, und diese teilweise sogar behaupteten, daß "Endspiel" gar keine Auflösung der Geschichte bietet, würde ich sagen, daß das Finale dieser grundlegenden Mission der Serie gewissenhafter gefolgt ist, als es den meisten Leuten lieb ist.

Höchstwahrscheinlich waren die Erwartungen nur viel zu hoch. Das Finale konnte sicherlich nicht alle erfüllen UND gleichzeitig (in der Voyager-Tradition) eine interessante, aufregende Standalone-Story liefern, welche die Voyager schließlich nach Hause bringt.

Insbesondere die Langzeit-Fans der Serie und die "Beziehungs-Fans" (engl. "Relationshippers") wollten die (wirklichen) Folgen dieses Ereignisses sehen, die Auswirkungen auf das Leben der Crewmitglieder sowie der Leute auf der Erde, welche für sieben Jahre von ihren Familienmitgliedern, Freunden usw. getrennt waren. Es wäre schön gewesen, einige Zeit mit Janeway und Chakotay, Seven und dem Doktor, Tom, B'Elanna und Harry im Alphaquadranten zu verbringen und zu erfahren, was nach der letzten Reise mit ihnen passiert.
Weiterhin dachten wohl viele Fans, die Autoren würden zusammen mit der Show einige abschließende Sätze, eine Art Antwort oder Lösung zu all den Fragen und Problemen, welche mit der Heimkehr aktuell werden (und bereits in früheren Episoden erwähnt wurden), aufzeigen: den "Status des Maquis" ("Rettungsanker"), das Schicksal einiger Besatzungsmitglieder (hier vor allem Seven, als eine frühere Borgdrohne, und der Doktor, als ein Hologramm, das längst kein einfaches Hologramm mehr ist), die Beförderung von Harry ("Author, Author"), und vielleicht sogar ein Happy-End für die seit sieben Jahren schwelende (Fast)beziehung zwischen Chakotay und Janeway.

Es war nur eine natürliche Konsequenz, daß alle Leute, die sich ausschließlich auf diese Wünsche und Hoffnungen konzentrierten, auf jeden Fall von "Endspiel" enttäuscht sein mußten.
Wie wir nun wissen, sind die meisten der genannten Themen, wie wichtig sie auch erscheinen (und sicherlich sind - insbesondere für all jene, denen die Crew ans Herz gewachsen ist) reine Ergänzungen und Nebenstories, wenn sie überhaupt angesprochen werden, während andere Fragen nur in der alternativen Zukunft beantwortet werden, welche recht ausführlich beschrieben wird, aber ab dem Moment irrelevant ist, in dem die Heimkehr vorverlegt und eine neue Zeitlinie mit einen neuen Zukunft erschaffen wird.

Ich bin einer jener Fans, der gehofft hat, die Heimkehr würde nicht nur das "Wie?", sondern auch das "Warum?" und "Was kommt danach?" und "Zu welchem Zweck?" umfassen. Folglich konnte "Endspiel" nicht alle meine Erwartungen erfüllen. Aber: auch wenn die Autoren mit etwas völlig anderem aufwarteten, habe ich überraschenderweise beim Schauen des Zweiteilers entdeckt, daß das nicht notwendigerweise etwas Schlechtes bedeuten muß.

Einmal versuchte ich, mich nicht durch meine eigenen Hoffnungen, die Meinungen anderer und die Insiderspoiler (welche für den exzellenten zweiten Teil glücklicherweise sowieso nicht existierten) beeinflussen zu lassen, sondern versuchte, einen offenen Geist zu bewahren und die Episode nicht vorzeitig abzustempeln oder zu verdammen.
Und was soll ich sagen - ich habe das Serienfinale wirklich, wirklich genossen, und obwohl es die Heimreise nicht auf die Weise zeigte, wie ich es mir vorgestellt hatte, konnte es meiner Meinung nach doch etwas genauso Gutes bieten.

Ja, es zeigt "nur" die Ereignisse, die zur Heimkehr der Voyager führen, aber auf eine so aufregende, actionreiche, provozierend-clevere (um mal von Kate Mulgrew zu borgen) Weise, daß ich am Ende nur glücklich damit sein konnte. Es ist ja nicht nur die Finalrunde mit der Borgkönigin (mit Bezug zum Schach).
Es ist das End-Spiel von Voyager - ein hin und her bezüglich der zentralen Frage "Werden sie es schaffen?". Und sie überspannen wirklich fast den Bogen, was das anbetrifft. Die Episode zeigt wirklich fast 90 Minuten Spannungsaufbau, bevor wir eine Antwort erhalten - 1 Minute und 48 Sekunden vor dem Abspann! Wie kann nun irgendjemand behaupten, dieses Finale wäre antiklimaktisch? Während die erste Stunde anständige, aber nicht sehr überraschende Unterhaltung bietet, ist die zweite Hälfte vollgestopft mit Überraschungselementen und Wendungen, welche zu einem epischen Showdown führen, mit dem wohl keiner gerechnet hat. Zusammen mit den offiziellen Statements einige Zeit vor dem Finale, daß die Heimkehr der Voyager gar nicht so sicher ist, und daß das Ende vor 3 Wochen noch anders ausgesehen hat, konnte das Finale den treuen Fan wirklich fesseln.

Deshalb muß ich wirklich fragen: Warum haben plötzlich alle vergessen, wie unterhaltsam eine gute Überraschung sein kein?

Alles in allem gab es Komödie, Drama, (wenn auch unwillkommenen) Romantik und Action im Finale, welches mich in einem Moment zu Tränen rührte, im anderen erschreckte und mich in wieder einem anderen zum Lachen brachte. Der Zweiteiler war kein intellektuelles Feuerwerk, aber auf jeden Fall ein emotionales.

Und wir sollten auch nicht vergessen: die meisten erfolgreichen, epischen, mit Action vollgepackten Episoden konzentrierten sich auf ein einzelnes Thema und verfolgten ein einziges Ziel, wobei der Hintergrund, Konsequenzen und auftretende Fragen mehr oder weniger ignoriert wurden. Am Ende von "Skorpion" wußten wir nicht, wie Seven an Bord bleiben und jemals ein Crewmitglied werden könnte. Das wurde uns in der nachfolgenden Charakterepisode "Die Gabe" gezeigt. Und, was hier eher paßt, "Flaschenpost" war eine andere hochgelobte Episode, die ein wichtiges Ereignis (der erste Kontakt der Voyager mit der Sternenflotte) auf eine komplett andere, sehr viel leichtere und eher action-orientierte Weise zeigte, und dennoch lieben sie viele Fans. Alle Folgen des Kontakt, die Briefe von zu Hause und die aufgetretenen Fragen wurden in der Anschlußepisode "Jäger" angesprochen.

Mit "Endspiel" verhält es sich grundsätzlich genauso: sie wollten, daß die Episode im Moment der größten Spannung endet; direkt nach dem Höhepunkt, wo wir es nie erwartet hätten. Folglich zeigten sie, anstatt einen eher antiklimaktischen Epilog am Ende zu bringen, die eigentliche Heimkehrszene bereits am Anfang, welche zwar "alternativ" ist, aber mit der "wirklichen" Heimkehr höchstwahrscheinlich  identisch ist. Und sie gaben uns mit den Zukunftsszenen eine Vorstellung davon, wie sich die Dinge möglicherweise nach diesem Ereignis entwickelten. Klar, es ist sehr unsicher, ob die neue Zukunft ähnlich aussehen wird. Unglücklicherweise gibt es aber nun mal keine Möglichkeit für "Endspiel", diese Frage in einer Folgeepisode zu beantworten, da es ja das Serienfinale ist. Aber: es gibt immer noch Hoffnung, daß sich ein TV-Film oder, was eher wahrscheinlich ist, der nächste Kinofilm mit einigen der "losen Fäden" beschäftigen wird.

Ich habe das Serienfinale jetzt (Ende Mai 2001) drei Mal gesehen, und jedes Mal hat es mir besser gefallen. Wenn wir also die Erwartungen gegenüber dem, was wir in Regel bekommen, betrachten, bin ich geneigt zu sagen: selbst wenn sie sehr oft Sachen durcheinanderbringen oder ganz in den Sand setzen, ist es nicht die Hauptaufgabe der Autoren und Produzenten, alle Wünsche des Publikums zu erfüllen; das würde sehr bald zu vorhersehbar und folglich langweilig werden, da wir ja immer schon wissen würden, was passiert, und weiterhin zu einem Durcheinander von Ideen und Storylines führen, weil es nun mal unmöglich ist, all die unterschiedlichen (und sich widersprechenden) Wünsche zu berücksichtigen.
"Star Trek: Voyager" war ihre Sicht von Star Trek. Sie hatte sowohl positive als auch negative Seiten, wobei "Endspiel" ein recht gutes Beispiel dafür ist, wie ich im nachfolgenden Review zeigen möchte.

Wenn wir nun also die primäre Aufgabe der Autoren einer Fernsehserie im allgemeinen darin sehen, uns zu überraschen, zu unterhalten, und gleichzeitig etwas wichtiges zu sagen, und die Aufgabe des Finales im speziellen darin besteht, die Crew auf eine möglichst aufregende und mitreißende Weise nach Hause zu bringen, würde ich sagen "Mission erfüllt", was "Endspiel" angeht. Nicht auf eine absolut außergewöhnliche, total überwältigende Weise, aber sie haben gute Arbeit geleistet.

 

"Endgame" - Das Review

Wie zahlreiche Fans festgestellt haben, ist das Serienfinale von Star Trek: Voyager ein wirklich angemessenes Ende für eine Serie, die ihre Fehler hatte, aber - dank den gemeinsamen Anstrengungen der hingebungsvollen Produktionscrew und der mehr als exzellenten Darsteller - sehr vergnüglich und liebenswert war. Es mag als gerechtes Schicksal angesehen werden, daß das Finale - genauso wie der vielleicht noch fehlerträchtigere, aber genauso großartige Zweiteiler "Das ungewisse Dunkel" - sich letztendlich als Repräsentant der Stärken, aber auch einiger Schwächen von Voyager entpuppt. Hätten wir an einer fehlerfreien Superepisode, welche das Bild, das viele Fans von Voyager haben, hätte korrigieren können, mehr Spaß gehabt? Für den Moment auf jeden Fall, aber rückblickend wäre es wohl falsch gewesen, im Finale, einer Episode, die als Zusammenfassung oder Abschluß einer Serie gedacht ist, etwas vorzutäuschen, was niemals war. "Endspiel" gibt kein idealisiertes Bild von Voyager wieder, es zeigt die Realität, wie sie sich seit dem Wandel der Serie in der 4. Staffel repräsentiert, und diese Realität ist weit entfernt von jener Art von Hölle, für die sie viele Voyager-Gegner (die sog. "Basher") halten.
Selbst der treueste Fan wird immer die negativen Elemente "seines" Voyagers kritisieren, zu denen wohl vor allem die weitreichenden Kompromisse zugunsten der Story gehören (welche zu der bekannten problematischen Kontinuität, Charakterkonsistenz und wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit führen), aber er wird sie auch tolerieren angesichts der vielen Dinge, die die Serie uns gibt - zum Beispiel eine freundliche, optimistische Sicht der Zukunft, eine bewundernswerte Crew, die nie ihre Hoffnung und Zuversicht verloren hat, nach Hause zu gelangen, und letztendlich auch die Erde erreicht hat, und kleine Moralgeschichten in der ursprünglichen Star Trek Tradition.

Nach diesen grundsätzlichen Gedanken wollen wir einen näheren Blick auf die verschiedenen Aspekte und wichtigsten Szenen der allerletzten Voyagerepisode werfen.

 

Die erste Überraschung: Der Teaser

"Dies sollten vertraute Bilder für all jene sein, die sich noch an die triumphale Rückkehr der USS Voyager zur Erde nach 23 Jahren im Deltaquadranten erinnern. Voyager berührte die Herzen und fesselte die Gedanken der Leute in der ganzen Föderation, so daß es passend scheint, an diesem zehnten Jahrestag ihrer Rückkehr einen Moment zu verharren, um der Opfer der Crew zu gedenken."

Eingangsszene von "Endspiel"

Viele Jahre lang haben sich sowohl die Fans als auch die Autoren, was die Heimkehr der Voyager angeht, eine Landung der Voyager im Sternenflottenhauptquartier, San Francisco, Erde vorgestellt, einschließlich eines phantastischen Fluges über die Golden Gate Bridge beim Schein eines die Nacht erhellenden Antimaterie-Feuerwerks. Dieses Szenario wurde sogar in der Serie selbst schon einmal erwähnt bzw. angedeutet, in "Temporale Paradoxie" und "Euphorie". Im Serienfinale scheint der Autorenstab nun seine "Versprechen" und die Erwartungen der Zuschauer zumindest in dieser Hinsicht tatsächlich zu erfüllen.
Aber - wer hätte gedacht, daß wir diese Feier der Rückkehr in der allerersten Szene der Episode, dem Teaser sehen würden? Es war wirklich eine ziemliche Überraschung; allerdings auch die nachfolgende Enthüllung, daß alles nur eine Aufzeichung der tatsächlichen Heimkehr ist, dargestellt auf einer Art Fernsehschirm - abgespielt 26 Jahre in der Zukunft, 10 Jahre nach der Rückkehr der Voyager und 33 Jahre, nachdem sie im Delta Quadrant gestrandet ist (ich war schon verblüfft, daß die Autoren diese Zahlen nicht ein einziges Mal im Laufe der Episode durcheinandergebracht haben). Und wenn wir den Worten des Ansagers nicht geglaubt haben, so läßt die gealterte Kathryn Janeway (mit weißem Haar, aber einem so faltenfreien Gesicht, daß man annehmen kann, daß sie entweder einen guten Hausarzt hat oder eine Art Antimaterie-Feuchtigkeitscreme benutzt...) doch keinen Zweifel daran, daß dies wirklich die Zukunft ist.

Rückblickend hinterläßt die Eingangsszene, im Vergleich mit dem Rest der Episode, einen sehr großen Eindruck beim Zuschauer; sie wird in dieser Hinsicht wohl nur noch von der Auflösung der Handlung und den letzten Momenten übertroffen. Genauso wie der "Voyager begraben unter Tonnen von Eis" Teaser in "Temporale Paradoxie" löst die frühzeitige Darstellung eines zukünftigen Ereignisses eine Menge freudiger Erwartungen aus und beflügelt die Neugier des Zuschauers, wie es dazu kam. In 90 Minuten beantwortet "Endspiel" diese Frage, aber auf andere Weise, als man zunächst annehmen könnte. Denn die Voyager hat die Heimat natürlich bereits nach 7, nicht erst nach 23 Jahren im Deltaquadranten erreicht...

 

Die Zukunftsmission Admiral Janeways: ein Plagiat?

"Heute vor zehn Jahren ist die Crew von der längsten Außenmission in der Geschichte der Sternenflotte zurückgekehrt. Dreiundzwanzig Jahre zusammen machten Sie zu einer Familie, und ich bin stolz, von dieser Familie aufgenommen worden zu sein. Lassen Sie uns die Gläser erheben. Auf die Reise."

Reginald Barclay zu einer gealterten Crew, "Endspiel I"

Wenn ersichtlich wird, wieso Admiral Janeway an diesem Jahrestag der Heimkehr der Voyager still und allein in ihrem Quartier verbleibt, und was sie zu tun beabsichtigt, könnten Langzeitzuschauer der Serie ein starkes Déjà vu (wie der Admiral später in der Episode bemerkt) erfahren. Insbesondere aufgrund der vielen (wundervollen) Szenen zwischen Janeway und Kim sowohl in der Zukunft als auch in der Gegenwart, welche die Gemeinsamkeiten der beiden sonst so unterschiedlichen Charaktere aufzeigen - ihre Hingabe an die Familie, ihr manchmal besessenes, irrationales Verhalten, und ihre Bereitschaft, für das Gemeinwohl viele Risiken einzugehen und die Regeln zu verbiegen oder gar zu brechen - hat man manchmal das Gefühl, dies wäre "Temporale Paradoxie, Teil 2".
Während der erste Teil von "Endspiel", bis zu dem Moment, in dem Janeway zurück in die Gegenwart reist, Elemente aus vielen Episoden "leiht", sind die Parallelen zu Voyagers eigener, hundertsten Episode am offensichtlichsten: die Eingangsszene (wie oben erwähnt), die gesamte Struktur (ständiger Wechsel zwischen Zukunft und Gegenwart), die "unbefriedigende" Heimkehr nach dem Tod vieler Crewmitglieder (obwohl es dieses Mal "nur" 22 sind, gegenüber den 148 Opfern in "Temporale Paradoxie"), und der sowohl gesetzlich als auch moralisch zweifelhafte Versuch eines Überlebenden, die Vergangenheit zu ändern und alle Besatzungsmitglieder sicher und gesund nach Hause zu bringen. Der einzige herausragende Unterschied zwischen beiden Szenarien ist die Art, auf die die Vergangenheit verändert wird (in  "Temporale Paradoxie" nur durch ein zeitreisendes Komm-Signal, in "Endspiel" jedoch durch eine "echte" Zeitreise) und natürlich das Ende der Mission: in "Temporale Paradoxie" schlägt der Plan mehr oder weniger fehl - die Voyager kann nicht nach Hause gebracht werden und verbleibt im Deltaquadranten -, während nun die Voyager dank der Hilfe der zeitreisenden Admiral Janeway einen Weg nach Hause findet.

Wenn wir von Zeitreisen und Geschichten sprechen, welche in anderen Zeitlinien angesiedelt sind, darf nicht unerwähnt bleiben, daß "Endspiel" auch zu dem TNG Serienfinale "Heute, Gestern, Morgen" viele Ähnlichkeiten aufweist. Das ganze Konzept einer "alternativen Zukunft", welche die Voyagercrew gealtert, befördert und mit einem neuen Leben auf der Erde zeigt, scheint mehr oder weniger aus diesem Zweiteiler übernommen worden zu sein. Die Autoren waren sich dieser Tatsache wohl mehr als bewußt, weist doch das ganze zukünftige Szenario eine gewisse Kontinuität zu der "Heute, Gestern, Morgen" Zukunft (ebenso wie der in "Gedächtnisverlust" und "Der Besuch" gezeigten Zukunft) auf, betrachtet man die ähnlichen Uniformen und Insignienkommunikatoren. Aber es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten mit dem TNG Finale: Admiral Janeways Versuche, ihre ehemaligen Crewmitglieder dazu zu bewegen, ihr bei einer "letzen (ziemlich illegalen) Mission" zu helfen (Botschafter Picards Versuche), die neurologische Erkrankung Tuvoks, die in der Zukunft fortgeschritten und in der Gegenwart gerade erst diagnostiziert wurde (Picards neurologische Erkrankung) und die Unterstützung durch einen (mehr oder weniger) klingonischen Offizier (Fähnrich Miral vs. Botschafter Worf).

Zusammenfassend kann man also sagen, daß die Autoren von "Endspiel" wirklich wußten, wie man von den besten Star Trek Episoden stiehlt, und sich offenbar an die alte Weisheit "Besser ein gutes Plagiat als ein schlechtes Original" gehalten haben. Jedoch, wenn ich zurückblicke und den Zweiteiler hinsichtlich der wiederverwendeten Elemente beurteilen soll, muß ich - vor allem in Hinblick auf den sehr einfallsreichen zweiten Teil - sagen, daß es mich nicht übermäßig stört, zumal es zwei wichtigere Probleme mit den verschiedenen Zeitlinien und Admiral Janeways Mission gibt, welche einer Untersuchung bedürfen.

Die erste Frage ist, war es wirklich notwendig, den gesamten ersten Teil der Geschichte (mit einigen Unterbrechungen) der Darstellung der alternativen Zukunft zu widmen, welche ab dem Moment ihre Bedeutung verliert, in dem Admiral Janeway Erfolg hat und die Voyager eher die Erde erreicht? Wir wissen alle, daß die Zukunft der Besatzungsmitglieder in der neuen Zeitlinie anders sein wird. Chakotay und Seven werden nicht sterben und könnten heiraten (nicht, daß ich mir das vorstellen könnte, ohne daß mir übel wird), Tuvok wird nicht verrückt werden und hat die Chance, ein Nachfolger Botschafter Spocks zu werden, und Janeway dürfte, so sehr wie sie mit ihrer "Familie" verbunden ist, zweifelsohne sehr viel glücklicher sein als zuvor. Damit ergibt sich für viele Fans sicherlich die Frage: worin besteht dann eigentlich der Sinn, uns diese Zukunft zu zeigen? Warum komprimiert man es nicht auf die tatsächliche Mission von Admiral Janeway, und zeigt stattdessen am Ende die tatsächlichen Auswirkungen der Heimkehr, das tatsächliche Wiedersehen mit ihren Familien und Freunden? Ich habe auch keine Antwort für letztendlichen Beweggründe der Autoren, aber man könnte bezüglich "Heute, Gestern, Morgen", "Ein Jahr Hölle", "Endstation - Vergessenheit" usw. ähnliche Fragen stellen, alles großartige Episoden, die viel Zeit investieren, um uns etwas zu zeigen, was für die tatsächliche Zeitlinie und das Star Trek Universum am Ende keinerlei Bedeutung hat.
Alternative Sichtweisen der Zukunft sind schon immer ein beliebtes Element bei Star Trek gewesen, welches den Autoren die Freiheit (und Bequemlichkeit) verschafft, etwas über die Charaktere zu schreiben, was über ihre etablierten Ansichten, Charakterzüge und Motive hinausgeht, und dies den Charakteren, wie wir sie kennen, gegenüberzustellen. In "
Endspiel" funktioniert dies besonders gut für Captain Harry Kim, dessen Darsteller Garrett Wang - wie in "Temporale Paradoxie" - außergewöhnliche Arbeit dabei leistet, uns einen weniger "kindlichen" und gereifteren, eindrucksvolleren Harry zu zeigen, Cmd. Reginald Barclay, der ebenso würdevoll und selbstbewußt erscheint (und nicht einmal mehr stottert!), und natürlich Admiral Janeway. Ich werde die zwei gegensätzlichen Janeways später noch genauer analysieren, aber es ist auch so offensichtlich, daß Kate Mulgrew sich dieses Mal selbst übertroffen hat.
Somit mag die Notwendigkeit, uns die Voyagerbesatzung in einer alternativen Zukunft zu zeigen, nicht gegeben sein, insbesondere in Hinblick darauf, daß dies die letzte Episode ist; aber es war Teil der Story, die uns die Autoren vor der tatsächlichen Rückkehr erzählen wollten. Im Gegensatz zu "
Deep Space Nine" gab es schon immer nur sehr wenig "Serialisierung" (Stichwort: Handlungsbögen) in der episodischen, handlungsorientierten Serie "Star Trek: Voyager", und jede Episode war eine in sich abgeschlossene Mission. Es gab keinerlei Vorbereitung des Finales in den vorangehenden Folgen, so daß es ziemlich klar war, daß "Endspiel" eher ein "Voyager Film" im Stil von "Ein Jahr Hölle" und "Das ungewisse Dunkel" denn eine echte Zusammenfassung bzw. ein echter Abschluß für die Charaktere und die Ereignisse aller sieben Jahre sein würde.
Stattdessen präsentiert uns "
Endspiel" eine unabhängige Geschichte, welche letztendlich zur Heimkehr führt, dem wichtigsten (und vielleicht einzig wichtigen) gemeinsamen Nenner aller Episoden, und das ist wirklich typisch für die Serie.

Das zweite Problem mit Janeways Mission dürfte vor allem für jene Star Trek Fans von Bedeutung sein, die in der Serie mehr als charakterbezogene, dramatische Science Fiction sehen, und eine Art Botschaft, einen humanistischen Hintergrund in "ihrem" Star Trek wollen. Wie ich zu Beginn gesagt habe, war Star Trek immer am erfolgreichsten, wenn es etwas allgemeines über die Menschheit aussagte und kleine Moralgeschichten miteinbezog. Aus diesem Grund war "Star Trek: Der Erste Kontakt" ein so immenser Erfolg: trotz aller Action hat es sich seine Menschlichkeit bewahrt und einige wichtige Ideen und Wahrheiten über die Menschheit mit der Story im allgemeinen, aber auch den dreidimensionalen Charakteren vermittelt.

Aber was ist nun mit dem Voyagerfinale? Eine Untersuchung dürfte sich lohnen:

 

Der moralische Hintergrund von Endspiel

"Ich spreche nicht über Technologie, ich spreche über Menschen - Menschen, die nicht so viel Glück hatten wie Sie oder ich. Sie sagten, Sie und der Doktor wollten "die Dinge innerhalb der Familie regeln". Aber unsere Familie ist nicht mehr komplett, oder? Ich bitte Sie, meinem Urteil zu vertrauen, Harry... dieses eine letzte Mal."

Admiral Janeway zu Captain Harry Kim, "Endspiel I"

Wenn ich mir nur den ersten Teil von  "Endspiel" angeschaut hätte, müßte ich wohl ernsthaft fragen: "Was für einen moralischen Hintergrund?".

Indem sie in der Zeit zurückreist, um die Voyager eher nach Hause zu bringen, und damit Einfluß auf die gesamte Zeitlinie nimmt, verletzt Admiral Janeway die Temporale Erste Direktive auf direkte Weise (wie in der Episode erwähnt, aber nicht näher ausgeführt wird) und bewirkt ein moralisches Dilemma, das einer weiteren Diskussion bedarf. Es gab schon oft Modellversuche von Seiten der Fans, eine Militärgerichtsverhandlung für Captain Janeway zu inszenieren. Nun, ausgehend von einem objektiven Standpunkt hätte Admiral Janeway auf jeden Fall eine verdient für

  • den Mißbrauch ihrer Befehlsgewalt, um einen Sternenflotten-Lieutenant zu kriminellen Handlungen zu veranlassen, und einen sehr dubiosen Klingonen (Korath) einen Sitz im Klingonischen Hohen Rat in Austausch für eine temporale Vorrichtung zu verschaffen, was eine Einmischung in interne klingonische Vorgänge darstellt (die Föderationscharta verbietet dies eindeutig - "Unter den Waffen schweigen die Gesetze")
  • den Mißbrauch ihrer Kontakte, um eine experimentelle, höchst geheime Medizin von der medizinischen Abteilung der Sternenflotte zu bekommen.
  • den Mißbrauch ihrer persönlichen Kontakte zu einem Sternenflottencaptain, um ihn dazu zu veranlassen, sie nicht in Gewahrsam zu nehmen und auf (vermutliche) Alliierte zu schießen (die Klingonen).
  • und schließlich, als wichtigsten Punkt, das bewußte Ignorieren der Temporalen Ersten Direktive und das "Herumspielen" mit der Zeitlinie - ein sehr riskantes Unterfangen, wie sie zugibt.

Sie begeht all diese kriminellen Handlungen (selbstsüchtig?) für ihre "Familie", aufgrund des Todes von 22 ihrer früheren Besatzungsmitglieder, der schweren psychischen Krankheit eines Einzelnen (Tuvok) sowie die Verlängerung der Reise der Voyager im Deltaquadranten um 16 zusätzliche Jahre.
Sie mögen entgegnen, daß sie doch nur wie Captain Kirk in "Star Trek III" handelt, völlig konform mit dem individualistischen, umgedrehten Ausspruch "Die Bedürfnisse weniger wiegen schwerer als die Bedürfnisse vieler". Die Gründe (Rettung von Freunden oder "Familienmitgliedern") mögen dieselben sein, jedoch besteht ein großer Unterschied zwischen dem Diebstahl des eigenen Raumschiffs, um zu einem verbotenen Planeten zu reisen, und die Veränderung der Zeitlinie, was die Leben von Millionen beeinflußt.
Wenn wir es objektiv betrachten, unterscheiden sich Admiral Janeways Handlungen in keiner Weise von Annorax' verzweifelten Taten  im "Ein Jahr Hölle" Zweiteiler: sie verändern beide die Zeitlinie mit der Absicht, persönliche Verluste rückgängig zu machen, und beide sind dazu bereit, Gott zu spielen und alles für dieses Ziel zu riskieren. Wer sagt denn, daß die neue Zeitlinie (tatsächlich verändert ja Admiral Janeway die Zeitlinie nicht, indem sie Geschichte umschreibt und ihre eigene - eigentlich ursprüngliche! - Zukunft auslöscht, sondern es wird eine neue - eigentlich alternative! - Zeitlinie mit einer anderen Zukunft erschaffen in dem Moment, in dem sie die Vergangenheit verändert - zumindest hat die TNG Episode "Parallelen" mit ihrer unendlichen Anzahl an "Quantenrealitäten" diese Sichtweise der temporalen Mechanik etabliert) wirklich besser sein wird als die alte? Wer ist Janeway, daß sie entscheidet, was für Millionen andere Leuten besser ist? Die niedliche Tochter von Naomi, die in der neuen Zeitlinie vielleicht nie geboren wird, ist nur ein Beispiel, von dem wir wissen. In dieser Hinsicht erscheinen Janeways Handlungen definitiv als ein Akt des Größenwahnsinns.

Übrigens könnte man dasselbe Urteil über Harry Kim in "Temporale Paradoxie" fällen, obwohl er bessere Gründe hatte: damals überlebte die gesamte Crew außer ihm und Chakotay nicht, und er war irgendwie persönlich für die Katastrophe verantwortlich.
Admiral Janeway war das nicht - der Verlust der Besatzungsmitglieder und andere Notsituationen in den 16 zusätzlichen Jahren waren - so grausam es klingt - Schicksal. Ein professioneller Captain muß verstehen, daß er Crewmitglieder verlieren *wird*, egal was er versucht, um dies zu verhindern. In der Tat muß er das wissen, um überhaupt Captain werden zu können. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Wissen und Akzeptieren. Captain Kirk war sich immer dieser grundlegenden Tatsache bewußt, aber er akzeptierte sie nie. Er lebte gemäß dem optimistischen Ansatz, daß es eine Lösung für jede Situation gibt, egal, wie hoffnungslos sie aussieht. Dies war ein grundlegendes Thema in  "Star Trek II" und "Star Trek III". Am Ende des ersten Films, wenn Spock stirbt, erkannte er zum ersten Mal, daß es nicht immer möglich ist, "den Tod zu betrügen", aber in letzterem Film bewies er doch wieder das Gegenteil, in einem sehr Stark Trek typischen, aber in der Wirklichkeit unmöglichen Zug, mit dem er seinen Freund von den Toten wiederauferstehen ließ.

Admiral Janeway ähnelt James T. Kirk in dieser Hinsicht sehr (sie tut einfach, was sie für richtig hält, und kümmert sich in diesem Moment nicht um Regeln und Paragraphen), mit dem Unterschied, daß Kirk wußte, wo die Grenze ist.
Wenn die zuvor genannten Punkte also wirklich die Kathryn Janeway betreffen würden, die wir allen kennen und lieben, wäre dies ein schwerwiegender negativer Aspekt der Episode. Wie jeder gute Sternenflottencaptain folgte Janeway nie blindlings den Sternenflottenvorschriften, sondern "verbog" die Regeln (wie die Erste Direktive) von Zeit zu Zeit, wenn es einen guten Grund dafür gab. Jedoch hat sie nie eine kriminelle Tat begangen wie jene, die oben aufgelistet werden, "Equinox II" ausgenommen, da diese furchtbare Episode nicht Teil meines persönlichen Star Trek Universums ist.
Somit müssen wir wirklich zwischen der gegenwärtigen Captain Janeway und der (alternativen) zukünftigen Admiral Janeway unterscheiden. Admiral Janeway ist wie eine dunklere, weitaus verzweifeltere Version unseres Captains, und dank Kate Mulgrews vielleicht überzeugendsten darstellerischen Leistung überhaupt (die leicht ihre eigene Premiere als "zweifache Janeway" in der zweiten Staffel in "Die Verdopplung" schlagen kann) scheint es tatsächlich zwei Janeways mit mehr als nur unterschiedlicher Haarfarbe, nämlich unterschiedlicher Gestik, unterschiedlicher Betonung, unterschiedlicher Einstellung zu geben.

Beide Captains werden von denselben gefährlichen, aber verständlichen Charakterzügen angetrieben: die Schuld, die Crew der Voyager im Deltaquadranten gestrandet zu haben ("Der Fürsorger") und damit die ganzen Todesfälle und Notsituationen "verursacht" zu haben, und die daraus resultierende obsessive Entschlossenheit, sie alle sicher wieder nach Hause zu bringen, um ihr "Versprechen zu halten" und ihren "Fehler" wiedergutzumachen (diese "Alle retten" Einstellung scheint ein tieferliegender Aspekt von Janeways Charakter zu sein, wenn man die Ereignisse in ihren jüngeren Jahren, wie sie in Jeri Taylors "Mosaic" beschrieben werden, in die Überlegung miteinbezieht). Wie wir im Laufe der Serie gesehen haben, hat Janeways Besessenheit, solange die Situation kontrollierbar bleibt, einen sehr positiven Aspekt auf die Crew, welche ihre "Familie" geworden ist, was die starken Gefühle Janeways und ihre Absicht, "die gesamte Schafsherde"  zu retten, erklärt, und auf die Reise, welche aufgrund ihrer Bemühungen mehrere Male verkürzt werden konnte. "Nacht" und "Friendship One" haben gezeigt, daß dies in wirklichen Notsituationen anders aussehen kann, zeigten doch beide Episode eine starke emotionale Reaktion Janeways wegen einer negativeren Phase der Reise bzw. dem Tod eines "Familienmitglieds". In dieser Beziehung ist Admiral Janeway wirklich sehr "Janeway-haft", aber ihre Aktionen sind nicht länger zu rechtfertigen. Sie ist über die Jahre selbstgerechter, größenwahnsinniger, sogar skrupelloser geworden. Wie ich sagte,dies ist akzeptabel angesichts der Tatsache, daß dies nur eine mögliche Version unserer Janeway ist.

Wenn wir jedoch unseren Blick vom Star Trek Universum per se zu der allgemeinen Bedeutung der gezeigten Aktionen im Sinne von Moral und Ethik wenden, kann dies nur als eine recht zweifelhafte Botschaft gewertet werden. Aus diesem Grund sollte der erste Teil von "Endspiel" als "story only" angesehen werden, ohne tiefere Gedankengänge und einen psychologischen Hintergrund, während - glücklicherweise - Teil zwei die volle Tragweite der moralischen Ursachen und Konsequenzen mit der Interaktion zwischen Captain Janeway und Admiral Janeway erforscht.

Um auf die Unterschiede zwischen Teil eins und zwei im allgemeinen zu sprechen zu kommen; ich wäre wohl ziemlich enttäuscht gewesen, wenn das Serienfinale nichts außer den Aspekten gezeigt hätte, welche in den Gerüchten und Spoilern erwähnt wurden - (moralisch fragwürdige) Zeitreisen und Klingonen als DIE populären Star Trek Elemente, die Darstellung einer alternativen Zukunft ganz im Stil des "Star Trek: The Next Generation" Finales und weitere einfallslose Plagiate aus diversen Episoden und Filmen.
Während der erste Teil, obwohl er die zwei allgemeinen Motive des Zweiteilers - die Familie und die Reise - einführt, meine Befürchtungen zu bestätigen schien, da es zwar nette Unterhaltung mit einer Menge denkwürdiger Szenen ist, aber echte Wendungen, einzigartige Ideen, und, wie eben gezeigt, den Star Trek typischen moralischen Hintergrund vermissen läßt, wurde erstaunlicherweise alles anders, sobald Admiral Janeway die Zukunft verlassen hatte und die Handlung in der Gegenwart der Voyager begann. Es gibt Überraschungen, Wendungen und jede Menge Action, aber, was am wichtigsten ist, es gibt es endlich den tieferen Sinn, der mir im ersten Teil so gefehlt hat, mit exzellenten Dialoge, moralischen Entscheidungen und größeren Star Trek Themen, einschließlich der Erforschung des Menschseins (vor allem mit den zwei Janeways).

 

"Vor langer Zeit fällte ich eine Entscheidung, die diese Crew im Deltaquadranten stranden ließ. Ich bedauere diese Entscheidung nicht. Aber ich kannte Sie alle damals noch nicht, und die Voyager war nur ein Raumschiff. Jetzt ist sie viel mehr als das. Sie ist unser Zuhause geworden. Ich weiß, ich könnte Ihnen befehlen, diesen Plan auszuführen, und keiner von Ihnen würde auch nur eine Sekunde zögern. Aber ich werde das nicht tun. Sie kennen die Besatzungsmitglieder, die unter Ihnen arbeiten, und Sie wissen, was Ihnen Ihre eigenen Herzen sagen. Deshalb werden wir dies nicht versuchen, sofern nicht jeder in diesem Raum zustimmt."

Captain Janeway zu ihrer "Familie", "Endspiel II"

Bis zu der unerwarteten Entdeckung in dem Nebel, welcher letztendlich eine herausragende Rolle für die Heimkehr der Voyager spielt und eines der Schlüsselelemente in "Endspiel" ist, deutete nichts darauf hin, daß es eine tiefergehende Diskussion über die Aktionen und Pläne Admiral Janeways geben würde. In der Tat schien nicht nur der zukünftige Harry Kim (indem er den Admiral gehen ließ und sie gegen die Klingonen verteidigte), sondern auch Captain Janeway in der Gegenwart ihr eigenes Schicksal und das ihrer Crew über das Allgemeinwohl stellen zu wollen. Sie erfuhr eine Menge Dinge über die Zukunft, unterstützte die Bemühungen des Admirals und ließ sie die Voyager mit zukünftiger Technologie ausrüsten.
Obwohl bereits diese Handlungen sehr fragwürdig im Lichte der Temporalen Ersten Direktive ("Zur Hölle damit") erschienen, war Kathryn Janeways Herz am rechten Fleck, als der Moment kam, sich zwischen richtig und falsch zu entscheiden.

Im Glauben, daß die Spoiler die ganze Wahrheit enthüllten, hatte ich wirklich gedacht, daß die Crew durch die Hilfe Admiral Janeways ein Wurmloch entdecken und nach Hause fliegen würde. Ende. Aus diesem Grund war ich sehr, sehr erfreut, daß die Autoren zur entscheidenden (zweiten) Nebelszene eine überraschende Wendung eingebaut haben, und die daraus resultierenden Charakterszenen machten für mich das Finale endgültig zu einem fesselnden Erlebnis: das Wurmloch ist in Wirklichkeit ein "Transwarpknoten", eine Art zentrale Verbindungs- und Verteilungseinheit für Transwarpkorridore, welcher ein wichtiges Element des galaktischen Beförderungssystems der Borg ist und dessen Zerstörung das Leben von Millionen retten könnte, da die Borg dann ihre "vorgefertigten" Transwarptunnel nicht mehr verwenden könnten, um ferne Planeten in Minuten zu erreichen und zu assimilieren (eine große Gefahr, die mit der Situation von Ichebs Heimatplaneten in der gleichnamigen Folge eindrucksvoll illustriert wurde).
Jedoch ist diese überraschende neue Situation mehr als eine Plotkomplikation, die die Heimkehr der Voyager schwieriger gestaltet. Sie stellt eine Parallele zum Voyager Pilotfilm, "Der Fürsorger", dar, und damit zur anfänglichen Prämisse, daß die Voyager aufgrund der Entscheidung des Captains, ihre eigene Bequemlichkeit und die der Crew für das Wohlergehen einer ganzen Zivilisation (der Ocampa) zu opfern, im Deltaquadrant gestrandet ist.
Trotz der neuen Sachlage ist Admiral Janeway, die die Entscheidung ihres jüngeren Ichs, den Ocampa zu helfen, als Fehler betrachtet, jedoch so davon besessen, die Crew nach Hause zu bringen, daß sie die Gelegenheit nicht wahrnimmt, und sie auch nicht wahrnehmen will.
Aber, wie gesagt, Captain Janeway ist nicht Admiral Janeway. Der Captain wird ebenfalls sowohl von ihrer kurzsichtigen Entschlossenheit als auch den humanistischen Idealen der Föderation getrieben, ihre Entscheidung, nicht den schnellen Weg nach Hause zu nehmen, sondern den Nebel zu verlassen, und einen Plan auszuarbeiten, den Hub zu zerstören (ähnlich der Zerstörung der Phalanx des Fürsorgers) zeigt jedoch klar, was ihre tatsächlichen Prioritäten sind. Zu dieser Zeit, in der Hoffnung und Optimismus statt Verzweiflung und Einsamkeit die Gefühle der Crew dominieren, hat Janeway keinen Grund, anders als in "Der Fürsorger" zu handeln. Mehr wie ein Captain Picard denn ein Captain Kirk, und definitiv nicht wie Admiral Janeway ist Captain Janeway bereit, dieses noble Opfer erneut zu bringen. Die Bedürfnisse vieler wiegen in der Tat mehr als die Bedürfnisse weniger - wie Tuvok es mit diesem treffenden Spock Zitat aus "Star Trek II" ausdrückt. Dennoch, etwas ist anders als in "Der Fürsorger". Dieses Mal möchte Janeway ihre Entscheidung nicht selbstsüchtig ihrer "Familie" aufzwingen.

In dieser Hinsicht ist die Konferenzraumszene wohl die wichtigste in "Endspiel II", und einer meiner Favoriten. Es ist ein sehr gefühlsbetonter Moment mit exzellentem Dialog, der sowohl die Themen des Finale betont als auch als eine Art Ersatz für die (unglücklicherweise) fehlende Epilogszene dient. Die Familie ist zusammen, und im Gegensatz zum Pilotfilm, in dem Janeway für sie alle spricht, und auch zu "Nacht", wo es die Crew ist, die einen Plan ausarbeitet, entscheiden sie dieses Mal gemeinsam. Wie Janeway anführt, ist die Voyager inzwischen weit mehr als nur ein Raumschiff; es ist das Ersatz-Zuhause der Familie, was den Langzeitzuschauer an die vielleicht beste Szene aller Zeiten in "Ein Jahr Hölle II" erinnern mag, in der Janeway etwas ähnliches zu Tuvok sagte, bevor sie mit dem Schiff unterging. Leider geschah diese Szene in Wirklichkeit nicht, da alle Ereignisse in diesem Zweiteiler durch den berüchtigten "Resetknopf" ad absurdum geführt wurden, doch dieses Mal ist es wirklich real.

"Ich denke, es ist sicher zu sagen, daß keiner in dieser Besatzung... besessener von der Heimkehr gewesen ist als ich. Wenn ich aber darüber nachdenke, was wir alles zusammen durchgestanden haben, ist vielleicht das Ziel nicht das entscheidende. Vielleicht ist es die Reise. Und wenn diese Reise etwas länger dauert, damit wir etwas tun können, woran wir alle glauben, kann ich mir keinen Platz vorstellen, an dem ich lieber wäre, und keine Menschen, mit denen ich lieber zusammen sein würde." - "Auf die Reise!"

Harry Kim und Tom Paris, "Endspiel II"

Überraschenderweise ist es von allen Crewmitgliedern Harry Kim, der die entscheidenden Worte spricht, was die überragende Rolle unterstreicht, die Garrett Wangs Figur im Serienfinale spielt: "Vielleicht ist nicht das Ziel das entscheidende, sondern die Reise" sagt er und erinnert damit an ein altes buddhistisches Prinzip, daß in den letzten Jahrzehnten seinen Weg in die moderne Popkultur gefunden hat - von "Der Weg ist das Ziel" zu "Das Leben ist eine Reise, nicht ein Ziel". Wie ich zu Beginn gesagt habe, hat die Besatzung während ihrer Reisen durch den Deltaquadranten nie ihr eigentliches Ziel vergessen, nämlich einen Weg zurück zur Erde zu finden. Jedoch, wenn sie all diese Jahre damit zugebracht hätten, mit höchstmöglicher Warpgeschwindigkeit nach Hause zu jagen, ohne die einzigartigen Gelegenheiten entlang der Route wahrzunehmen, und jede Stunde ihres Leben darin investiert hätten, einen Weg nach Hause zu finden. hätten sie dann nicht mehr verloren als gewonnen? Mal davon abgesehen, daß jede verlorene Chance zur Erforschung eine verlorene Möglichkeit zur Heimkehr sein könnte (wie in "Die Voyager-Konspiration" gezeigt wurde, wollten sie dort doch ursprünglich einen Nebel erforschen und entdeckten stattdessen das Raumkatapult), wären ihre Leben dann mehr als leer gewesen.
Aus diesem Grund habe ich es sehr gemocht, daß diese grundlegende Wahrheit im Finale erwähnt wurde. Es faßt ziemlich gut zusammen, wie die Crew inzwischen, nach sieben Jahren, ihr Schicksal im Deltaquadranten betrachtet. Zu Beginn waren natürlich Heimweh und Einsamkeit vorherrschend, aber als in dieser hoffnungslosen Situation die Crew, oder, präziser, beide Crews zusammenwuchsen, fanden sie sich mehr und mehr damit ab. "Es ist nicht länger die Frage, ob wir einen Weg nach Hause finden, sondern wann." sagte Janeway nach den Erlebnissen in "Temporale Paradoxie", und spätestens ab diesem Zeitpunkt genossen sie ihre Zeit zusammen wirklich und saßen aus ihrer Sicht nicht länger in einer feindlichen Region des Weltraums fest, sondern erforschten einen Quadranten voller Chancen und Wunder.
Und es erscheint nur passend, daß nun in "Endspiel" in dem Moment, in dem Crew realisiert, daß selbst wenn sie noch Jahre damit zubringen werden, nach Hause zu reisen, sie eine großartige Zeit zusammen haben, sie eine Chance erhalten, tatsächlich zur Erde zurückzukehren.

 

Janeway und Janeway: ein Doppelschlag

"Ich bin so viele Jahre lang so entschlossen gewesen, diese Crew nach Hause zu bringen, daß ich denke vergessen zu haben, wie sehr sie es liebten, zusammen zu sein - und wie loyal sie dir gegenüber waren. Ich habe einige Tage gebraucht, um zu erkennen: dies ist dein Schiff, deine Crew - nicht meine. Es war ein Fehler, dich anzulügen. Zu denken, daß ich dir etwas ausreden könnte, was du dir in den Kopf gesetzt hast."

Admiral Janeway zu Captain Janeway, "Endspiel II"


Am Ende ist es nicht nur die Besatzung, die von Captain Janeways "intergalaktischen Mission des guten Willens", ihrem Plan, den Transwarpknoten zu zerstören und den Borg einen vernichtenden Schlag zu versetzen, überzeugt ist.
Letztendlich entdeckt auch Admiral Janeway die Leidenschaft ihres jüngeren Ichs nicht nur für ihre Crew, sondern auch für ihre Ideale wieder. Was sie vor der "Familienzusammenkunft" noch als "dumme Tat" bezeichnete, ist nun eine "alte Gewohnheit", die sie wiederbeleben möchte. Und während sie anfangs versuchte, Captain Janeway und bestimmte Crewmitglieder (die, selbst wenn sie in der Zukunft verletzt oder getötet werden könnten, nicht mit ihr übereinstimmten, was eindrucksvoll ihre Föderations-typische "Selbstopferung für das Allgemeinwohl"-Erziehung aufzeigt) davon zu überzeugen, daß es es nicht wert ist, das Leben von "Fremden in einem hypothetischen Szenario" auf Kosten der Leben von "Kollegen, Freunden im wirklichen Leben" zu opfern (erneut entsprechend von "Die Bedürfnisse vieler wiegen schwerer als die Bedürfnisse weniger"), beginnt sie danach ihr jüngeres Ich zu verstehen - und stimmt ihr zu.

Ab diesem Moment arbeiten Janeway und Janeway nicht länger voneinander getrennt (in unterschiedlichen Zeitrahmen) oder gar gegeneinander. Sie arbeiten zusammen, und wie Captain Kirk in "Star Trek III" finden sie einen Weg, "den Tod zu betrügen", die Galaxie und den Tag zu retten, d.h. das Transwarpnetz der Borg zu zerstören und die Crew nach Hause zu bringen. Ich bezeichne diesen Zug in "Endspiel" gern als die Talaxianische Lösung, in Anlehnung an Neelix' Ausspruch in "Author, Author": "wenn sich die Straße vor dir zweiteilt, nimm den dritten Pfad".
Wie jeder Fan diese Entwicklung bewertet, hängt davon ab, wie er Star Trek sieht. Zugegeben, es ist völlig unrealistisch und ist auch keine besonders nützliche Botschaft. Schon Kinder lernen, daß man sich zwischen zwei Dingen entscheiden muß und gewöhnlich nicht beides haben kann. Und: man hat immer etwas in die Waagschale zu legen, muß immer auf die eine oder andere Weise ein Opfer bringen, um etwas zu erreichen - besonders, wenn es so weitreichend wie Janeways Ziel ist.
"Star Trek: Deep Space Nine" hätte nie etwas vergleichbares getan; in dieser Serie hatte jede Handlung entweder positive oder negative Folgen (zum Beispiel mußte Captain Sisko in "In fahlem Mondlicht", um das Verlieren des Krieges zu verhindern, seine ethischen Grundsätze opfern und die Romulaner zur Teilnahme bewegen). Dies mag realistischer sein, ist aber dennoch meiner Meinung nach kein typisches Star Trek - egal, ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes bedeutet. Der Optimismus der Saga war immer einem utopischen Idealismus viel näher als einem positiven Realismus, wie ich u.a. mit Captain Kirk und den Kinofilmen gezeigt habe. Ich denke, der Grund dafür ist, daß Star Trek niemals irgendeine Art realistische Zukunftsgesellschaft dargestellt hat, sondern eine Vision einer angestrebten menschlichen Zukunft zeigt, mit einer Botschaft der Hoffnung und Zuversicht, die die Zuschauer 35 Jahre lang angesprochen und angezogen hat.

Zum Guten und zum Schlechten präsentiert das Finale, mit all seinen Facetten, eine Meinung, die meiner Ansicht nach während der ganzen Laufzeit der Serie eine übergeordnete, sehr Roddenberry'sche Philosophie gewesen ist - wir können alles erreichen, was wir wollen, wenn wir entschlossen sind, nie unsere Hoffnung verlieren und wirklich versuchen, unsere Träume zu realisieren.
Sieben Jahre lang hat die Crew nie ihre Hoffnung (wenn nicht Besessenheit) aufgegeben, daß sie die Erde eines Tages erreichen wird, obwohl, wie Annorax (als eine weitere Person, die von einer "fixen Idee" besessen ist) es in "Ein Jahr Hölle" ausdrückte, ihre Chancen astronomisch schlecht stehen. In "Das ungewisse Dunkel" glaubte Janeway daran, Seven of Nine aus dem Borg-Kollektiv, dem mächtigsten Gegner, den die Föderation je hatte, befreien zu können. In "Endspiel I" war sich Admiral Janeway sicher, in der Zeit zurückreisen zu können, um eine neue, bessere Zukunft für ihre Crew zu erschaffen. Nun glauben beide Janeways, und die Crew, fest daran, daß sie diese Doppelmission ausführen können. Wer könnte bei so einer Entschlossenheit, so einer Hingabe daran zweifeln, daß sie am Ende Erfolg haben werden?

 

Die Verlierer des Endspiels - die Borg

"Sie möchten das Wohlergehen Ihres Kollektivs sicherstellen. Ich kann das nachempfinden. Ich werde Ihnen helfen. Aber es wird Sie mehr kosten, als Sie mir anbieten."

Die Borgkönigin zu Admiral Janeway, "Endspiel II"


Im Serienfinale kehren die Borg nach fast einer ganzen Staffel Abwesenheit zurück, und sie sind furchterregender als je zuvor - dank der Darstellerin der Borgkönigin, Alice Krige, die die Königin bereits in "Star Trek: Der Erste Kontakt" gespielt hat und nun erstmals wieder als Kopf des Kollektivs zu sehen ist. Ihre darstellerische Leistung ist absolut umwerfend. Susanna Thompson war eine nette Borgkönigin in "Das ungewisse Dunkel" und "Unimatrix Zero", aber trotzdem - Krige ist einfach eine andere Klasse. Mit graziösen Bewegungen und gehauchten Worten ist ihre Königin so verführerisch und gleichzeitig tödlich, man könnte denken, bereits ihr Lächeln kann einen assimilieren (siehe obiges Bild). Glücklicherweise ist die Figur der Borgkönigin nicht in dem Stil wie in "Unimatrix Zero" geschrieben. Sie erscheint wieder als der würdige Gegner, der sie im achten Kinofilm und   "Das ungewisse Dunkel" war - der Kopf einer ganzen Spezies von Cyborgs, nicht der emotionale, schwatzhafte, zweitklassige Feind, der sie in erstgenannter Episode war. Nun verliert sie nicht mehr viele Worte, sondern handelt (die schnelle Assimilation Admiral Janeways), nun täuscht sie ihre Gefühle bloß vor, um etwas zu erreichen, und bleibt auch in der größten Notsituation geradezu unmenschlich gelassen - selbst als sie geschlagen am Boden liegt, ohne Arme und Beine, ist sie sich sicher, daß "Janeway im Begriff ist zu sterben".
Allan Kroeker's Regieführung vervollkommnet den Borgauftritt im Serienfinale - die Beleuchtung ist dunkler, die "Borg-Blitze" heller und häufiger, und obwohl wir nicht viele Borg außer der Königin sehen, trägt die gruselige Stimme Kollektivs viel zur vertrauten "Borgatmosphäre" bei.

Unglücklicherweise erscheinen aufgrund der Richtung, die die Story einschlägt, die Borg aber auch schwächer als je zuvor. Mit Admiral Janeways unglaublicher Enthüllung, daß es in dreißig Jahren  Wege gibt, um sich nicht nur gegen die Borg zu verteidigen, sondern sie auch zu besiegen, wird der Mythos des unbarmherzigen, unverwundbaren Gegners endgültig zerstört. In diesem Moment konnte ich   mich nur an Guinans Bemerkung in der allerersten Borgepisode in  "The Next Generation", "Zeitsprung mit Q", erinnern, derzufolge vielleicht in zehntausend Jahren ein Status Quo mit den Borg erreicht werden kann, man ihnen aber im Moment nichts entgegenzusetzen vermag. Allerdings hat Guinan sicherlich auch nicht geahnt, daß es eine Captain Janeway (in der ursprünglichen Zeitlinie) geben würde, die 23 Jahre durch den Heimatquadranten der Borg reist und genug "Begegnungen" mit ihnen hat, um ihre Technologie zu studieren (und zu stehlen!). Dann erscheint der technologische Aufstieg der Föderation wirklich nicht mehr so unglaubwürdig; er bleibt jedoch, was erzählerische Maßstäbe anbetrifft, ein zu großer, zu weitreichender Schritt.

Nachdem beide Janeway einen Plan geschmiedet haben - die Infektion der Borgkönigin mit einem neuralen Erreger (höchstwahrscheinlich der in "Das Kollektiv" entdeckte, nicht das synthetische Virus aus "Das Vinculum"), um die Kontrolle über die Schilde der interspatialen "Brückenpfeiler" aufzuheben, so daß die Voyager einen davon mit den bekannten Folgen aus einer sicheren Entfernung innerhalb des Korridors zur Erde zerstören kann, was es der Crew erlaubt, nach Hause zu reisen, während der Tunnel hinter ihnen zusammenbricht - und der Admiral die Voyager mit einem Shuttle Richtung Borg Unikomplex verlassen hat, scheint das Schicksal der Borg besiegelt zu sein: das Endspiel des Endspiels findet natürlich zwischen den beiden Königinnen statt - Janeway (erinnern sie sich an Toms Ausspruch in "Chaoticas Braut": "Sie sind die Königin!") und die Borgkönigin.
Das letztendliche Ergebnis allerdings bleibt bis zu einer weiteren Wendung offen: Admiral Janeways unerwartetes Angebot an die Borgkönigin, ihr alle Zukunftstechnologie auszuhändigen. Dies könnte ein letzliches Zugeständnis an die Temporale Erste Direktive sein, derzufolge die Anpassung der Borg an die Technologie nur das Gleichgewicht der Kräfte wiederherstellen würde, da sie niemals dazu bestimmt war, so zeitig in Besitz der Föderation zu sein. Oder bietet hier Janeway der Borgkönigin bloß eine mögliche, Sternenflotten-typische diplomatische Lösung an, bevor sie mit ihrem wahren Plan fortfährt? Sie kennen vielleicht den Ausspruch des Captains  "Wenn die Diplomatie fehlschlägt, brauchen wir einen Reserveplan" ("Zersplittert"). Jedoch könnte es in diesem Fall auch "Wenn die Diplomatie fehlschlägt, gibt es nur eine Alternative - Gewalt" ("Der Zeitzeuge") sein...
Andererseits könnte Janeway wirklich der Hochstapler sein, den Tuvok in der Zukunft fortwährend erwähnt hat - der Hinweis, daß sie vor einiger Zeit von einer feindlichen Rasse gekidnappt (und möglicherweise durch die Borg ersetzt?) wurde, ist dann wohl ein weiterer "Beleg" für diese Theorie. Aber - als hätten wir es nicht gewußt: alles scheint Teil des Plans zu sein. Selbst die Entdeckung des Admirals und ihre Assimilierung müssen beabsichtigt gewesen sein (wir wissen ja alle, daß Kathy zum Wohle der Galaxis eine ordentliche Dosis Nanosonden zu schätzen weiß - siehe "Unimatrix Zero"). Die Folgen sehen genauso aus, wie der Admiral es vorausgesehen hat: sie opfert ihr Leben (weil das Schiff, wenn nicht die ganze Galaxie, viel zu klein ist für zwei Kathryn Janeways...) für die Heimkehr der Crew, und nimmt die Borgkönigin mit sich. Die letzten Momente des Admirals und der Königin sind erschütternd und furchterregend - Explosionen in der ganzen Kammer, die Königin "zerbricht" in ihre Einzelteile, und Janeway - halb assimiliert - sieht auch nicht besser aus, aber dennoch sind beide giftiger als je zuvor. "Sie haben UNS unterschätzt." Der letztendliche Triumph Janeways über die Borgkönigin. Die gesamte Szene war ein ziemlich schockierendes Erlebnis. Hatte ich es bis dahin nicht realisiert, war ich mir nun sicher: Ken Billers Ankündigung eines "tosenden, gewaltigen Actionadventures" war keineswegs eine Übertreibung...
Am Ende explodieren große Teile des Unikomplexes, und dank der Initiative der Voyager wird letztendlich auch das Transwarpnetz der Borg zerstört. Es hat geklappt. Aber was ist mit dem anderen wichtigen Aspekt des Plans - die Rückkehr der Voyager zur Erde?


Die ultimative Überraschung - Die Heimkehr

"Wir haben es geschafft."

Captain Janeway, "Endspiel II"

Natürlich - gelobt sei die Plotkomplikation - lebt die Königin noch lange genug, um eine Sphäre zur Verfolgung und Assimilation der Voyager in dem Transwarptunnel zu veranlassen. Da die Sphäre sich an die Panzerung und die Waffen (welche natürlich zusammen mit dem Krankheitserreger vom Admiral assimiliert worden sind) anpassen kann, hat die Voyager keine Chance. Sie kann nicht vor dem Borgschiff bleiben und muß den Tunnel mit der nächstmöglichen "Ausfahrt" verlassen - was das Schiff allerdings zurück in den Deltaquadranten bringen würde.
Somit ist in dem Moment, in dem wir geglaubt haben, daß der Kampf vorüber ist und nichts mehr passieren kann, wieder alles offen...

Diese Situation, der Höhepunkt der Episode, war wirklich die ultimative Überraschung des gesamten Serienfinales, und wahrscheinlich der entscheidendste Moment in Bezug auf die Frage nach der Heimkehr. Die Lösung: nun, so wie ich es erlebt habe, war die Auflösung die wohl cleverste und überraschendste, die ich je bei Star Trek gesehen habe - dies war ein Abschluß, welcher die sieben Jahre des Wartens und Fragens "Werden Sie es irgendwann schaffen?" wert war. Als Janeway Tom befahl, den Kurs zu ändern (zum Deltaquadrant-Ausgang, mußte das Publikum annehmen) und die Sphäre den Tunnel zum Deltaquadrant allein verließ und von einem dutzend Sternenflottenschiffen "willkommen geheißen" wurde, dachte ich, daß die Crew wirklich zurück im Deltaquadranten ist, und ihre Heimkehr, ihr persönliches Glück erneut für das Allgemeinwohl geopfert hat. Ich war schockiert.
Aber als dann die Borgsphäre explodierte - offensichtlich viel zu leicht -, die Musik anschwoll, und unser Lieblingsraumschiff aus dem Meer aus Flammen auftauchte, um majestätisch in Richtung der wartenden Sternenflottenschiffe zu gleiten... konnte ich nur aufschreien vor Ungläubigkeit, Überraschung, Freude. Es war so unglaublich, daß ich die Szene noch mal schauen mußte... und noch mal.
Anscheinend hatte sich die Voyager entweder absichtlich in der Sphäre versteckt oder wurde hineingezogen - das wissen wir nicht mit Sicherheit, da wir nur einen kurzen Augenblick sahen, wie sich eine Luke der Sphäre öffnete, und anschließend nur noch die Brücke der Voyager gezeigt wurde.
Meiner Ansicht nach war das eine unglaublich gut geschriebene Szene, und wie ich mitbekommen habe, waren viele Fans so skeptisch wie ich es am Anfang war - "Was? Sie waren in der Sphäre??" Letztendlich hätte wohl niemand eine solche Auflösung erwartet - weniger als zwei Minuten vor dem Abspann!

 

Die Schlußszenen

"Setzen Sie einen Kurs... nach Hause."

Captain Janeway, "Endspiel II"

Als die Autoren das Serienfinale schrieben, hatten sie zwei Wahlmöglichkeiten: entweder eine schnelle Heimkehr in der ersten Stunde (wie das frühe Ende des Dominionkrieges im DS9 Finale "Das, was du zurückläßt"), so daß am Ende etwas Zeit dafür bleibt, die unmittelbaren Auswirkungen der Heimkehr und ihre Folgen zu zeigen, oder eine Heimkehr, die so lange wie möglich ein Fragezeichen bleibt, um das Finale mit einem Knall enden zu lassen. Wie wir alle wissen, haben sich die Autoren für letztere Variante, und den Star Trek typischen "Kurzgeschichten-Stil" entschieden. Kein Prolog, kein Epilog. Nur die Geschichte, welche direkt nach dem Höhepunkt endet und beim Zuschauer einen Appetit nach mehr hinterläßt.
Es ist nur natürlich, daß viele mit einem solchen Ende nicht zufrieden waren. Nachdem die Voyager die Sphäre verlassen und vor der Flotte gestoppt hat, gibt es nur noch eine Szene mit einem kurzen Gespräch zwischen Janeway und der Pfadfinder Zentrale, einen kurzen Blick auf Toms und B'Elannas Baby, welches just im Moment des ultimativen Triumphes geboren wurde, und die abschließenden Worte Janeways. Selbst die letzte Außenaufnahme - die Voyager, wie sie begleitet von der Flotte der Erde entgegenfliegt - scheint schmerzhaft kurz zu sein, und der Abspann überrascht den Zuschauer wirklich, der noch nicht einmal den großen Knall der letzten Wendung richtig verarbeitet hat.

Aber, nachdem ich die Abschlußszenen vielleicht ein halbes Dutzend Mal gesehen habe, muß ich sagen, daß sie wirklich einen ganz eigenen Flair haben und sehr, sehr passend erscheinen in Hinblick auf das, was uns die Episode in den vorhergehenden 90 Minuten gezeigt hat, und wofür sie steht.
Zugegeben, was die Charaktere angeht, ist das Ende offen. Wir sehen nicht Paris' Wiedersehen mit seinem Vater, Kims Treffen mit seinen Eltern (und seine Beförderung, natürlich), das Schicksal von Seven und dem Doktor als die "Außenseiter" der Crew. Einige dieser Dinge sind auf die eine oder andere Weise bereits angesprochen worden (in "Author, Author" zum Beispiel).
Aber das Finale handelte, wie ich zu Beginn gesagt hatte, sowieso ausschließlich von der Heimkehr, die Frage, ob sie wirklich zur Erde zurückkehren; und diese Frage wurde definitiv beantwortet.
Unter Berücksichtigung des Stil von "Endspiel" macht es mir deshalb nicht allzuviel aus, daß die Autoren alle anderen Themen der Fantasie des Publikums überlassen.

Das erste Mal, als ich sie sah, konnte ich diese Szenen wirklich nicht so genießen, wie ich sie mittlerweile genieße, weil ich noch so "betäubt" von den Ereignissen davor war. Sobald ich jedoch begriffen und akzeptiert hatte, wie sie nach Hause gekommen waren und wie die Episode endete, entfalteten die finalen Momente ihre volle emotionale Wirkung.

Und ich kann nur sagen, daß die Schauspieler und die Produktionscrew das absolut beste aus ihnen gemacht haben. Kein Jubel, kein Feiern. Die Stille des Augenblicks ist faszinierend, und ziemlich realistisch, wenn wir uns vorstellen, wie überwältigt die Crew von der überraschenden Heimkehr sein muß, und daß sie ihr Glück noch gar nicht richtig fassen kann.
Genauso wie wir durch die Auflösung überrascht worden sind, und den unglaublichen Weg, auf dem die Voyager den Alphaquadranten erreicht hat, muß die Crew geglaubt haben, erneut im Deltaquadranten gefangen zu sein - und genau in dem Moment, in dem sie die explodierende Sphäre in Furcht und Hoffnung verlassen, fliegen sie genau auf eine Flotte von Föderationsschiffen zu - und wissen, daß sie endlich zu Hause sind.
Wie hätte dieser Augenblick auf perfektere Weise inszeniert werden können? "Wir haben es geschafft." (im Original viel prägnanter und vielschichtiger: "We did it.") Fast unpassend einfache Worte, von Janeway mit Zuversicht, aber auch Überraschung und Ungläubigkeit ausgesprochen. Das erste "Ortsgespräch" mit der Sternenflotte findet in dieser angespannten, ziemlich formalen Atmosphäre statt, die schließlich durchbrochen wird, wenn die ersten Schreie von Miral Paris die Crew über das Kommsystem erreichen. Plötzlich entdecken wir Lächeln, feuchte Augen und Gesichter, die die Freude, welche die Besatzung in diesem Augenblick erlebt, mehr als deutlich widergeben. Insbesondere die Gesichtsausdrücke von Janeway - die ein letztes Mal ihr berühmtes Lächeln präsentiert (das wir im Finale nur ein einziges Mal zuvor gesehen haben - in der Admiral/Captain Janeway Abschiedsszene an Bord des Shuttles) - und Harry Kim (der auf überzeugende Weise zeigt, wie es aussieht, wenn man zur selben Zeit lachen und weinen möchte) sind absolut köstlich.
Dann spricht Janeway ihre abschließenden Worte, welche im wesentlichen dieselben wie am Ende des Pilotfilms "Der Fürsorger" sind: "Setzen Sie einen Kurs... nach Hause". Genau wie bei der ganzen Szene läßt sich die Perfektion dieser Worte erst nach mehrmaligen Schauen erschließen - sie drücken aus, daß in beiden Fällen, im Pilotfilm ebenso wie im Finale, die Voyager im Begriff ist, in Richtung Erde aufzubrechen. Der Unterschied liegt nur in der Entfernung. "Zuhause" - das ist im Pilotfilm ein Planet in einem 75000 Lichtjahren entfernten Teil der Galaxis, aber jetzt ist es die weniger als ein Lichtjahr entfernte, vertraute blaue Kugel.
Neben der Tatsache, daß sie einen Bogen zwischen Pilotfilm und Finale spannen, reflektieren Janeways letzte Worte auch irgendwie die gesamte Serie, die grundsätzlichen Gedanken dahinter. Trotz der Sternenflottenmission hat die Voyager und ihre Crew ihren Kurs nach Hause für sieben Jahre aufrechterhalten, in jeder Episode. Weiterhin repräsentiert dieser "rote Faden" in allen 172 Folgen gleichzeitig die Star Trek Vision, die ich mit dem Plan beider Janeways erwähnt habe - daß mit der menschlichen Entschlossenheit allein die Vorstellung Realität werden kann, daß man alles erreichen kann, was man wirklich will. Vor sieben Jahren war die Heimreise der Voyager eine Sache von Jahrzehnten. Dank des unerschütterlichen Glaubens und Kampfes für ihr Ziel, hat die Crew ihren Traum zur Wirklichkeit gemacht; die Reise ist nun nur noch eine Frage von Stunden.

Ich erlebe die Heimkehr nun in diesem Licht, wenn ich die allerletzten Momente der Serie sehe, in denen die Voyager sich sanft ihrem ultimativen Ziel nähert.
Der Augenblick jedoch, in dem das Bild auf schwarz überblendet und der Abspann erscheint, ist immer noch ein Augenblick gnadenloser Endgültigkeit: Es ist vorbei.  Dies ist das Ende der Reise.

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Kontinuität und Konsequenzen in "Endspiel"

Nach einem 8000 Wörter Aufsatz über das Serienfinale erwarten Sie vielleicht, daß ich sage, es gebe nur wenig hinzuzufügen. Jedoch gibt es immer noch einige allgemeine Themen, die einer eingehenderen Betrachtung bedürfen, um das Bild von "Endspiel" zu vervollständigen; Themen die nicht so ganz in das mehr oder weniger chronologische Review der letzten Episode hineinpaßten.

Ganz am Anfang habe ich erwähnt, daß ein typisches "Markenzeichen" von Voyager die weitreichenden Kompromisse sind, die die Autoren bereit sind für die Story einzugehen. Einige Leute mögen das für eine gute Sache halten, aber insbesondere jene, die eine "geschlossenere" Form des Serienfernsehens (à la "Babylon 5") dem klassischen episodischem Format vorziehen, werden sagen, daß die Gesamtkontinuität, Charakterkonsistenz und das Bewußtsein für Konsequenzen drei grundlegende Notwendigkeiten für überzeugende Drehbücher sind, die nicht vernachlässigt werden dürfen. Obwohl ich ein großer Fan des ursprünglichen, "missions-basierten" Star Treks bin, schließe ich mich als ein Zuschauer, der die kleinen Hintergrunddetails und Kontinuitätshinweise von Star Trek, die die "unabhängigen Missionen" zu Ereignissen in ein und demselben, unglaublich komplexen Star Trek Universum machen, wirklich zu schätzen weiß, dieser Meinung an.
Und während ich geneigt bin, die verschiedenen "Anleihen" des Serienfinales von früheren Episoden nicht allzu ernst zu nehmen (insbesondere da die Autoren wirklich erfolgreich die verschiedenen Elemente aus über dreißig Jahren Star Trek zu einer aufregenden neuen Mischung kombinieren), außer in den Fällen, in denen es wirklich nur Zeit kostet, die am Ende irgendwie fehlt (zum Beispiel die ganzen "Klingonen" Szenen, die für die Geschichte eigentlich nebensächlich waren und auf eine einzige Dialogzeile "Ich habe es von den Klingonen gestohlen, und jetzt verfolgen Sie mich" hätten reduziert werden können), bin ich nicht gerade begeistert von den zahlreichen "Freiheiten", die sich das Finale in Bezug auf "neuerfundene Handlungselemente" nimmt.

"Die einzige Sicherheit ist, was wir hier und jetzt füreinander empfinden. Wenn du denkst, ich würde dich dies aufgrund einer Ahnung beenden lassen, was passieren könnte... dann mußt du mich noch ein wenig besser kennenlernen."

Chakotay und Seven, "Endspiel"

Ich spreche von solch "unbedeutenden Dingen" wie die ganze Chakotay/Seven Beziehung. Obwohl ich kein extremer Janeway/Chakotay Fan bin, so wie viele andere Trekker, ganz einfach, weil ich nicht so sehr an den Star Trek Beziehungen interessiert bin, ist dies doch einer der negativsten Aspekte von "Endspiel". Um die Wahrheit zu sagen, diese Beziehung, egal ob Freundschaft oder Romanze, kommt wirklich aus heiterem Himmel. In den vier Jahren, die Seven schon an Bord der Voyager ist, hatte sie ein paar persönliche Szenen mit dem Ersten Offizier in "Die Omega Direktive", ein paar weitere in "Dämon" und vor kurzem einige mehr (höchstwahrscheinlich als "Vorbereitung" auf die Romanze" in "Human Error" und "Natural Law" (hier ausschließlich mit einem Holo-Chakotay, wohlgemerkt!). Unnötig zu sagen, daß keine dieser Szenen Momente enthielt, die ein "sich Näherkommen" oder gar "sexuelle Anziehung" zeigten. Traurigerweise (für Robert Beltran, der an das Gegenteil glaubt) gab es nie irgendeine sexuelle Anziehung - und nichts von dem unbeschreiblichen Ding, die wir als "Chemie" bezeichnen - zwischen ihm und "Seven" Darstellerin Jeri Ryan. Somit ist diese ganze vollausgebaute Romanze in "Endspiel" eine sehr unangenehme Überraschung für vielleicht 90% all jener Fans, denen wirklich die Charaktere am Herzen liegen, und der schlimmste Aspekt ist, das es noch nicht mal gut inszeniert wurde. Nicht daß der Regisseur es nicht versucht hätte - die Musik ist äußerst rührselig in den "C/7" Momenten - aber diese zwei Figuren - der über vierzigjährige Erste Offizier, reif und mit viel Verantwortung, und die noch nicht dreißigjährige Ex-Borg, vollkommen ohne Erfahrung mit dieser Art von Emotionen, passen einfach nicht zusammen. Es ist eine völlige Fehlcharakterisierung von Seven, da sie niemals willens war, diese Gefühle zu erforschen, wie wir in "Liebe inmitten der Sterne" und "Unimatrix Zero" gesehen haben, und darüber hinaus bis jetzt gar nicht fähig, dermaßen menschlich zu handeln und zu reagieren! Günstigerweise kann das Handlungselement, welches in "Human Error" hinzugefügt wurde, um eben eine solche Entwicklung zu verhindern (eine "Notfallsicherung", die Drohnen deaktiviert, wenn diese stärkere Gefühle erfahren), nun leicht entfernt werden. Erinnern Sie sich, wie sowohl Ryan als auch die Produzenten zu dieser Zeit betont haben, wie Seven "in dramatischer Weise von ihrer Menschwerdung entfernt" werden sollte und wie glücklich alle waren, daß sie "eine Art tragische Figur" werden würde? Nun, es scheint so, als ob Produzenten ihre Ansichten mit Warpgeschwindigkeit ändern...
Ich weiß nicht, was das sein soll, wenn nicht eine Last-Minute-Entscheidung der Autoren ("Hey, laßt uns etwas Romantik hinzufügen, das gefällt dem Publikum!) oder, wie von Beltran angedeutet, eine Art Herausforderung zwischen ihm, Ryan und  "Endspiel" Co-Autor Brannon Braga. Wenigstens, vielleicht als eine ausgleichende Gerechtigkeit, sind die darstellerischen Leistungen von Beltran als auch Ryan mehr als unbedeutend für das Finale - sie haben beide sehr wenige Szenen neben denen, in welchen sie zusammen gezeigt werden, und diese "romantischen Begegnungen" sind mehr oder weniger irrelevant für den Zweiteiler (mal von der wohl eher zufälligen Übereinstimmung mit einem der  "Endspiel" Themen abgesehen - eine Beziehung wird oft als eine "Reise ohne Ziel" angesehen). Man könnte sie entfernen, und keinem würde auffallen, daß etwas fehlt. Deshalb denke ich nicht, daß diese Szenen, welche der Charakterkonsistenz von Seven als auch Chakotay (wegen der erwähnten "Nullbeziehung", wenn nicht sogar leichten Feindseligkeit zwischen beiden - noch in "Das ungewisse Dunkel" vertrat Chakotay die Meinung, daß es vielleicht vorherbestimmt war, daß Seven niemals menschlich werden und letztendlich doch zu den Borg zurückkehren wird) beträchtlichen Schaden zufügen, meine positiven Gefühle für das Serienfinale als ganzes zu sehr schmälern, jedoch kann ich jene Fans verstehen, die den Zweiteiler am liebsten aus ihrem Gedächtnis löschen würden. Mit dieser "Spaßbeziehung", vielleicht der Höhepunkt in der langen Voyager-Tradition der Diskontinuität und Fehlcharakterisierung, sind die Autoren wirklich zu weit gegangen.
Im Vergleich dazu erscheinen die anderen Elemente, welche bequemerweise für die "Endspiel" Geschichte erfunden wurden, natürlich nicht mehr allzu schlimm. Tuvoks Geisteskrankheit wurde vorher nie erwähnt, aber immerhin hat er es keinem außer dem Doktor erzählt, so daß es kein Problem ist, anzunehmen, daß die entsprechenden Szenen einfach nicht zu sehen waren. Dasselbe gilt für die Transwarp-Knoten, welche in dieser Episode eingeführt werden. Offensichtlich sind die "Endspiel" Korridore nicht dieselben "dynamisch erzeugten" Tunnel, welche in "Das ungewisse Dunkel" benutzt wurden (andere Farbe, Transwarpspule nötig), sondern ähneln eher den in dem TNG-Zweiteiler "Angriff der Borg" und "Icheb" gezeigten, vorgefertigten Passagen. Angesichts der vielen Dinge, die das intergalaktische Beförderungssystem der Borg erklärt, habe ich jedoch auch damit keine größeren Probleme.

 

"Brücke an Maschinenraum. Panzerung aktivieren."

Captain Janeway, "Endspiel"

Wenn wir die Vergangenheit, und damit die Kontinuität, diskutieren, dürfen wir die Zukunft, bzw. die Konsequenzen, natürlich nicht auslassen. Mit ihrer Leidenschaft für neue, fantastische Technologien und Erfindungen haben die Voyager-Autoren diesen Aspekt besonders oft vernachlässigt. Wir können es ihnen wirklich nicht übelnehmen. Wie ich bereits mehrere Male erwähnt habe - Star Trek handelte schon immer von der Verwandlung von Fiktion in die Realität, von der Erfüllung der eigenen Träume mit Optimismus und Entschlossenheit. Der negative Effekt dieser Philosophie, wenn sie zu intensiv verfolgt wird, ist, daß am Ende alle Grenzen und alle Schranken aufgehoben werden. In Bezug auf Star Trek heißt das, daß unsere Helden letztendlich zu mächtig werden, und die Föderation zu einer "Supermacht" wird, die selbst von den Borg nicht mehr geschlagen werden kann. Unglücklicherweise ist genau das nach "Endspiel" geschehen, und es mag erklären, warum die Produzenten das 24. Jahrhundert verlassen und mit dem Voyager-Nachfolger "Enterprise" nun das 22. Jahrhundert erforschen  (siehe meine Analyse der Gründe für die "Enterprise" Prämisse in Ausgabe 7). Hinsichtlich Wissenschaft und Technik, und der traditionellen Erforschung von relativ kleinen Teilen der Star Trek Galaxis, gibt es in der "Voyager" Zukunft nicht mehr viel zu erforschen. Die Serie führte Antriebssysteme ein, mit denen man in ein paar Wochen 10000 Lichtjahre zurücklegen kann (der Quanten-Slipstream-Antrieb aus "In Furcht und Hoffnung" und "Temporale Paradoxie"), intergalaktische Echtzeitkommunikation ("Author, Author") und vollkommen autonome, empfindungsfähige Hologramme. In "Endspiel" übergibt die Voyager nun offensichtlich aufgrund der Verletzung der Temporalen Ersten Direktive sowohl defensive als auch offensive Waffentechnologien aus der Zukunft (die Panzerung, transphasische Torpedos und vielleicht sogar die anderen in den Datenbanken von Admiral Janeways Shuttle gespeicherten Technologien), die es der Sternenflotte ermöglichen, die Borg zu besiegen! Man kann deutlich erkennen, wie eine voll ausgerüstete Voyager die Erde am Ende des Serienfinales erreicht. Natürlich müssen die Autoren sich dieses Problems bewußt gewesen sein (und sie können nicht einfach sagen, daß wir nun das 22. Jahrhundert erforschen und es damit nicht mehr von Interesse ist, da "Star Trek X" in der Zeit nach der Heimkehr der Voyager spielen wird), und in der Tat gibt es mehrere Möglichkeiten, die Probleme zu lösen.
Erstens ist die Tatsache, daß diese Waffen aus der Zukunft hier sind, nicht notwendigerweise eine Verletzung der Temporalen Ersten Direktive. Unter Berücksichtigung der Ethik könnte die Sternenflotte die Technologien wegschließen und ihre Verwendung verbieten, dann würde sie diese jedoch niemals haben. Wir dürfen nicht vergessen, daß sie nur erfunden wurden, weil die Voyagerbesatzung ursprünglich 16 Jahre länger im Deltaquadranten blieb und damit mehr als genug Zeit hatte, die Borg zu studieren und schließlich diese Gegenmaßnahmen zu entwickeln, um überleben zu können. In der neuen Zeitlinie kam die Voyager nach sieben Jahren heim und hatte diese zusätzlichen Erfahrungen mit den Borg nicht, so daß auch in dreißig Jahren die erwähnten Waffen höchstwahrscheinlich noch nicht erfunden worden sind. Im Rahmen der Episode wäre es dann vielleicht akzeptabel, daß die Föderation diese trotzdem - von der Voyager - bekommt, jedoch hätten die Autoren in Hinblick auf zukünftige Geschichten vorsichtiger mit der Einführung solch mächtiger "Plotvorrichtungen" sein sollen, mit denen ein Borgkubus mit einem Schuß zerstört werden kann. Nicht zu vergessen, das es grundsätzlich eine schlechte Vorgehensweise für Drehbuchautoren einer Dramaserie ist, eine Situation mit High-tech Spielzeugen statt wahrer menschlicher Stärke zu lösen, so daß ich trotz des "Coolness-Faktors" "Endspiel" dafür keine Extrapunkte geben kann.
Andererseits bietet das Finale Schlupflöcher, um die Macht der neuen Waffen zumindest zu kompensieren. Wie wir wissen, hat die Borgkönigin vor ihrem Tod sowohl das Virus als auch die Panzerungstechnologie assimiliert. In den letzten Szenen scheint das Defensiv- und Offensivpotential der Voyager dadurch nicht allzu beeinträchtigt zu sein, jedoch können wir annehmen, daß sich die Sphäre noch nicht völlig an die Technologien (einschließlich der coolen neuen Torpedos) angepaßt hat und die assimilierten Informationen vor der Zerstörung zumindest an andere Schiffe weitergeschickt hat. Somit ist es durchaus möglich, daß alles, was die Sternenflotte erhalten hat, für die Borg gar keine Gefahr mehr darstellt.

Allerdings ist es sowieso sehr unwahrscheinlich, daß wir die Borg je wiedersehen. Mit dem Serienfinale hat die Voyager das Kollektiv mehr oder weniger zerstört, und ich meine das wirklich wortwörtlich und nicht in dem ironischen Sinne, den viele Fans aufgrund der Verfahrensweise der vierten Star Trek Serie mit den Borg vermuten würden. Die Zerstörung des Transwarpnetzes, des Unikomplexes, der Königinnen-Kammer und, natürlich, der Königin selber stellt in der Tat einen "vernichtenden Schlag" gegen die einst so mächtige Spezies dar.
Auch wenn das Finale, wie bei so vielen anderen Themen auch, nichts definitives über das Schicksals der Borg aussagt, ist der Hive sicher weit von einer völligen Zerstörung entfernt (jede Handlung, die dies bewirken sollte, wäre wohl Völkermord, wie in der TNG-Folge "Ich bin Hugh" letztendlich festgestellt wird), jedoch kann Voyager erfolgreich "Chaos in die Ordnung bringen", wie Admiral Janeway es ausdrückt. Den Borg fehlt es nun mehr als je zuvor an Perfektion, Harmonie und Kontrolle, und das dürfte ihre größte Schwäche sein. Selbst wenn noch tausende Kuben da draußen sind, bereit zur Assimilation von Hunderten von Spezies, ist nach "Unimatrix Zero II" ein weiterer Schritt gemacht worden, um das Kollektiv von innen heraus zu zerstören. Damit erscheint es rückblickend nicht mehr ganz so schlimm, daß "Endspiel" die Borg-Widerstandsbewegung aus der Eröffnungsfolge der 7. Staffel nur in einem mehr oder weniger belanglosen Bereich anspricht (während Barclays Unterrichtsstunde in der Zukunft), da jeder Langzeitfan wissen wird, daß diese Ereignisse der entscheidende Faktor sein könnte, der es den "Borg-Individuen" ermöglicht, sich weiter auszubreiten und am Ende die Kontrolle über das frühere Kollektiv zu übernehmen. Wie gesagt, wir wissen das nicht mit Sicherheit, aber vielleicht wird der nächste Film ein paar Bemerkungen hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Borg beinhalten.

Jedoch müssen wir uns, was die Wirkung angeht, die die neuen Technologien auf die Föderation haben dürfte, auch fragen: wenn diese Waffen den Borg einen so großen Schaden zufügen können, würde das nicht die Föderation zu einem überlegenen Gegner für jede andere Macht im Quadranten machen, zumal diese sich niemals anpassen könnten? Meine Erklärung: die Panzerung und Torpedos wurden speziell für den Kampf gegen die Borg entworfen, was mit der Erklärung des Admirals übereinstimmt, daß diese Systeme nach weiteren Kontakten mit dem Kollektiv entwickelt wurden. Folglich könnte die regenerative Panzerung nur so beständig gegenüber den Borgangriffen sein, weil diese sich nicht so leicht anpassen können (im Gegensatz zu Schilden gibt es keine "Energiefrequenzen", auf die man sich einstellen könnte), und die Torpedos sind vielleicht nicht stärker als normale Photonentorpedos, aber nutzen bestimmte Schwächen der Borg besonders gut aus (z.B. die Energieknoten aus "Angriffsziel Erde"). Nun, das sollte reichen, um die Fehler in "Endspiel" zu rationalisieren. Nicht, daß sie mich aufgrund meiner Beflissenheit, das Kollektiv noch mächtiger zu machen, für unmenschlich halten...

 

Fazit

Nachdem fast jeder vorstellbare - positive oder negative - Aspekt von "Endspiel" behandelt worden sein sollte, ist es an der Zeit, zu einer abschließenden Gesamtbeurteilung des Serienfinales zu kommen.

Wie Sie hoffentlich während des Lesens dieses Reviews mitbekommen haben, war ich alles in allem sehr zufrieden, trotz oder vielleicht auch wegen der Tatsache, daß das Finale nicht alle meine Erwartungen erfüllte, sondern wirklich Überraschungen enthielt und mir letztlich sehr viel zum Nachdenken gab.
Natürlich machte die Story "Endspiel" zu einer (Doppel-) Janeway Show, und als ein begeisterter Fan des ersten weiblichen Captains einer Star Trek Serie und ihrer bewundernswerten Darstellerin, Kate Mulgrew, konnte ich diese Episode nur lieben.
Für mich als ziemlich liberalen Fan gibt es aber sowieso nicht viel im Serienfinale, was ich hassen könnte: trotz Janeways Dominanz war das Finale eine echte Ensembleshow, mit denkwürdigen Szenen für wirklich jeden Charakter. Man bekam wirklich den Eindruck, daß die Autoren versucht haben, zumindest eine Szene für jede wichtige Beziehung zu schreiben - selbst für jene, die in den vergangenen Staffeln vernachlässigt wurden (insbesondere Janeway/Tuvok).
Die Charakterszenen beeinflußten insbesondere meine Meinung zum ersten Teil, der gegenüber dem unschlagbaren zweiten Teil doch irgendwie einfallslos und fad erscheint. Trotz der Ausführlichkeit dieser Analyse habe ich sie noch nicht alle gewürdigt: der die Tränendrüsen stimulierende Janeway/Tuvok Abschied in der Zukunft, eine Szene, die wohl gleich nach der umwerfenden J/T Abschiedsszene in "Ein Jahr Hölle" kommt, die ausgelassenen Janeway/Chakotay Momente in der Gegenwart, und die düsteren in der Zukunft, der lustige Icheb/Tuvok Wettkampf, die vielleicht stereotype, aber trotzdem unglaublich witzigen B'Elanna/Tom Schwangerschaftsszenen, und natürlich vielleicht jede der vielen Szenen mit Harry Kim, dem Überraschungscharakter in "Endspiel". Ich kann es nicht oft genug wiederholen: ich liebe es, wie die Autoren der Figur ein letztes Mal sowohl in der Zukunft (sehr passend, da sein Charakter, wie erwähnt, der zukünftigen Janeway sehr ähnlich ist) als auch in der Gegenwart (wo er natürlich Fähnrich Scharf-auf-die-Heimkehr ist) einen großen Auftritt verschaffen, und Garrett Wang enttäuscht das Publikum wirklich nicht, sondern beweist, daß er ein mehr als fähiger Schauspieler ist.
Überraschenderweise haben demgegenüber die üblichen "Voyager Stars", Seven und der Doktor, nur einige wenige Szenen, was ich aber ebenfalls als sehr positiv bewerte. Der Doktor hatte mehr als genug Auftritte in dieser Staffel (z.B. in "Kritische Versorgung", "Author, Author" und "Renaissance Man" als die wichtigsten Doktor-Folgen), so daß seine einschränkte Rolle im Finale nicht allzusehr ins Gewicht fällt. Das gleiche gilt für Seven; ihr Charakter wurde, seit sie sich der Voyager in der 4. Staffel anschloss, nun wirklich genug erforscht. Was Seven und Chakotay angeht, kann ich nur noch mal sagen, daß ich diese "Kurzschlußromanze" überhaupt nicht mag und dadurch in meinen Augen der letzte Eindruck von diesen zwei Charakteren irgendwie ruiniert worden ist. Glücklicherweise beeinflußte es aber meine grundsätzlichen Ansichten über "Endspiel" nicht, obwohl die Episode ohne dieses Element trotzdem noch besser gewesen wäre.

Der jedoch negativste Aspekt dieser unnötigen und überflüssigen Zusätze ist, daß sie Zeit gekostet haben, die man besser anders verwendet hätte. Während ich verstehe, warum sie die Show mit dem "Voyager-Vorbeiflug" beenden wollten, hätte ich mir doch gewünscht, daß die abschließenden Momente etwas länger gewesen wären. Insbesondere habe ich wirklich eine kurze Rede Janeways vor ihren letzten Worten vermißt, ähnlich ihrem Schlußmonolog in "Der Fürsorger", um die Opfer, die die Voyager bringen mußte, hervorzuheben und jenen zu gedenken, die nicht das Privileg haben, die Heimat erreicht zu haben. Stattdessen erscheint in den letzten Minuten alles ein wenig überhastet. Zehn zusätzliche Sekunden für die abschließende Effektaufnahme hätten gereicht, um diesem Eindruck entgegenzuwirken.

Apropos Effektaufnahmen, die "Endspiel" Spezialeffekte waren absolut umwerfend. Ich denke nicht, daß wir je so viele, so perfekte CGI Szenen in Star Trek gesehen haben. Fast jede erwähnte Aktion wurde auch gezeigt (etwas, was in der Vergangenheit immer vermieden wurde): die Außenansichten in der Zukunft, die Ausrüstung der Voyager mit den Panzerungs-Generatoren, der Borgkampf in dem Nebel, das Eintreten der Voyager in den Transwarpknoten und der spektakuläre Flug aus der explodierenden Borgsphäre, um nur die beeindruckendsten zu nennen.

Alle weiteren schauspielerischen Leistungen und Produktionswerte waren überdurchschnittlich, wie sich das für ein Serienfinale gehört. "Das war ein Spaß", um Captain Kirk aus "Star Trek: Treffen der Generationen" zu zitieren. Und, neben allen tieferen Bedeutungen für die Menschheit und das Star Trek Universum, ist das nicht der wichtigste Aspekt, selbst für "Star Trek"?
Abschließend möchte ich für alle Fans von absoluten Zahlen statt schwammigen geschriebenen Bewertungen versuchen, das Serienfinale zu benoten. Wie Sie wissen, hielt ich "Endspiel I" aus den genannten Gründen für etwas schwächer als Teil 2, und gebe ihm deshalb 3 von 4 Punkten. "Endspiel II" dagegen war eine der besten Star Trek Episoden, voller Überraschungen, eine Tour-de-force für Janeway und Janeway, großartigem Drama, exzellenten Dialogen usw. Ich kann ihr auf jeden Fall nicht weniger als die spezielle Bewertung von 5 Punkten geben (bei Voyager haben nur "Ein Jahr Hölle" und "Temporale Paradoxie" von mir diese Punktzahl erhalten!). Die kombinierte Bewertung für den Zweiteiler wäre dann 4 Punkte. Ich sage "wäre", weil ich das Gefühl habe, nicht objektiv zu urteilen, wenn die (ohne jeden Zweifel existierenden) negativen Aspekte des Finales gar keine Auswirkung auf die Bewertung hätten. Aus diesem Grund möchte ich zwei Bewertungen geben. Als Standalone-Episode erhält "Endspiel" die 4 Punkte, doch als Serienfinale, welches mehr Charakterkonsistenz und Kontinuität zeigen und sich ausführlicher mit den Nebenthemen und Fragen der Serie beschäftigen sollte, statt sich zu sehr auf bekannte Elemente zu verlassen und um jeden Preis eine befremdliche, gezwungen wirkende Romanze einzubeziehen, verdient sie nicht mehr und nicht weniger als 3.5 Punkte. Ich nehme diese Punkte-Bewertungen nicht allzu ernst, aber ich denke sowieso, daß ich mit dieser Einschätzung durchaus leben kann... ;-)

 

Schließlich... Sie mögen es nicht glauben, aber das war's. Ich denke, genauso wie mir die ausführliche Photostory, die ich zu "What You Leave Behind" geschrieben habe, vor zwei Jahren geholfen hat, mir meiner Gefühle für "Deep Space Nine" klarzuwerden, hat mir dieser Artikel, ob er nun in den drei Tagen, in denen ich ihn geschrieben habe, zu einem Kommentar, Review oder eine Analyse mutiert ist, mir eine große Hilfe dabei war, das Ende "mental zu akzeptieren" und zu verstehen, was die vierte Star Trek Serie "Star Trek: Voyager", und ihr Vermächtnis, für mich bedeutet.
Ich hoffe, Sie haben das Lesen genauso genossen wie ich das Schreiben. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, geben sie mir um Himmels Willen einen . Ansonsten würde ich mich über ihr natürlich auch freuen...

Bevor ich die Ruffrequenzen schließe, möchte ich danken

  • Dem Großen Vogel des Galaxis, Gene Roddenberry, dessen zehnten Todestag wir dieses Jahr gedenken, für die Erschaffung von Star Trek, der wundervollsten Science Fiction Saga auf diesem Planeten.
  • Rick Berman, Michael Piller, Jeri Taylor, Brannon Braga und Ken Biller für die Erschaffung und/oder die Produktion von "Star Trek: Voyager", der dritten Reinkarnation von Genes erster Star Trek Serie, und einer meiner Favoriten neben "Star Trek: The Next Generation".
  • Der ganzen Besetzung und Produktionscrew der Serie für die Inszenierung eines unvergeßlichen Erlebnisses.
  • Jeri Taylor für die Entwicklung der Figur Captain Kathryn Janeway, und insbesondere Kate Mulgrew, die diese zum Leben erweckt hat... Bevor es pathetisch wird, höre ich besser auf... :-)
  • Demjenigen, der es ermöglicht hat, daß ich das Serienfinale so zeitig sehen konnte.

 

Um nun mit etwas Sinnvollem zu enden, sollten wir uns an die Worte Robert F. Kennedys erinnern, die sich sicherlich nicht auf Star Trek bezogen, aber es paßt erstaunlicherweise ganz wunderbar...

"Manche Menschen sehen die Dinge, so wie sie sind, und fragen: 'Warum?'
Ich erträumte Dinge, die niemals waren, und frage 'Warum nicht?'"


Christian Rühl

Webmaster - Star Trek Dimension

 

 

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1995-2001
 

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